Die Opferhaltung – die destruktivste aller Haltungen

Ich vermute jeder wurde schon einmal mit der Opferhaltung konfrontiert. Entweder hat man sich selber in dieser Haltung wiedergefunden oder sie bei Kollegen, Familienmitgliedern oder Partnern erlebt. Doch was genau ist die Opferhaltung? Sie ist gekennzeichnet von dem Gefühl der Hilflosigkeit, der Ohnmacht, sich gegen vermeintliche Angriffe von außen  souverän zur Wehr zu setzen. Man fühlt sich ähnlich einem Punching Ball und empfindet Aussagen oder Handlungen anderer immer häufiger als Angriff.

Doch was führt dazu, dass wir uns in eine Opferhaltung begeben?

Jeder Mensch hat im Laufe seines Lebens Erfahrungen gesammelt. Das menschliche Gehirn liebt definitive Aussagen – positiv oder negativ. So macht man als Kind eine negative Erfahrung, und im Gehirn formt sich ein Gedanke z.B.“ Du bist nicht gut in Mathematik“. Dieser Gedanke kann entweder durch die  Aussage einer Person (in vielen Fällen Eltern oder auch Lehrer) erzeugt oder auch selbst formuliert werden. Dies funktioniert auch in die positive Richtung -diese wird uns allerdings oft nicht bewusst.

Formulierung eines Gedankens

Ist dieser Gedanke einmal formuliert kann es passieren, dass unser Gehirn permanent nach der Bestätigung dieses Gedankens sucht– und findet, denn wir besitzen leider eine selektive Wahrnehmung. Ist diese Bestätigung oft genug erfolgt, wird aus diesem Gedanken ein sogenannter Glaubenssatz. Gedanken erzeugen Gefühle und negative Glaubenssätze erzeugen negative Gefühle. Ich kann evt. damit umgehen, dass ich nicht gut in Mathematik bin – lautet der Glaubenssatz allerdings „ Du bist nicht gut genug“ – dann kann sich dies sehr negative auf meine Gefühle auswirken. Jeder von uns besitzt diese Glaubenssätze. Sie sind uns nur leider nicht immer bewusst.

Knöpfe, die gedrückt werden

Ich vergleiche Glaubenssätze auch gerne mit Knöpfen, mit denen jeder von uns ausgestattet ist. Wird ein Knopf gedrückt, ist es von unserer Verfassung abhängig, wie wir darauf reagieren. Häufig haben wir uns Strategien angeeignet, die uns durch diese negativen Emotionen helfen. In den meisten Fällen sind diese Strategien darauf ausgelegt zu „Betäuben“ – den Schmerz und die Verzweiflung abzudämpfen, damit wir damit zurechtkommen. Dieses Betäuben kann mit Hilfe von Lebensmitteln geschehen (Essstörungen), Drogen (Alkohol, Rauchen etc.) oder Verhaltensweisen z.B. Aggressivität oder das andere Extrem – die Opferhaltung. Ihnen ist eines gemein –  ein Ausdruck von Hilflosigkeit. Diese Verhaltensweisen zeigen deutlich, dass sich die betreffende Person nicht in der Lage sieht, mit der Situation proaktiv umzugehen.

Es entstehen Muster

Mit der Zeit entwickeln sich Muster. Der Knopf wird gedrückt und wir nutzen die Strategie, die uns in anderen Situationen geholfen hat, um uns zu betäuben und zu schützen. Erhöhte Anforderungen, viele Veränderungen oder Konflikte können dazu führen, dass unsere Knöpfe wesentlich schneller aktiviert werden können und uns die Energie fehlt, aus unseren Mustern auszubrechen.

Unverständnis

Von unbeteiligten Personen ist die Not der Betroffenen in vielen Fällen gar nicht nachzuvollziehen – für sie wirken die Probleme gar nicht so groß, so schlimm oder werden überhaupt nicht als Problem wahrgenommen. Das macht es für die betroffene Person noch schlimmer. Sie sieht die Welt aus ihrer Perspektive, steht vor unlösbaren Problemen, fühlt sich angegriffen und die Umwelt spiegelt im schlimmsten Fall Unverständnis wider.
Aus diesem Grund ist die Opferhaltung so destruktiv. Die betroffene Person leidet, trifft auf Unverständnis und dadurch dass sie sich in der Opferhaltung befindet, können Außenstehende kaum noch zu ihr durchdringen. Versuche, die Situation zu objektivieren, werden wiederum als Angriff wahrgenommen und dadurch verschlimmert sich die Situation immer weiter.  Jegliche Kommunikation wird quasi durch die Opferbrille gefiltert – und selbst gut gemeinte Äußerungen werden als Angriff wahrgenommen.

Ausweg aus der Opferhaltung

Wie kann jemandem geholfen werden, der sich in der Opferhaltung befindet? Ein neutrales Feedback kann helfen. Allerdings von jemandem, der sich außerhalb der Situation befindet. Jemand dem die betroffene Person vertraut und weiß, dass dieser Jemand ihr wohlgesonnen ist oder eine neutrale Person wie ein Coach oder Therapeut. Ich erinnere mich an eine Situation in der mir eine gute Freundin direkt ins Gesicht gesagt hat „ Du bist in der Opferhaltung“ – schmerzhaft aber sehr hilfreich. Ein solches Feedback kann helfen – der Perspektivenwechsel muss von der betroffenen Person selber vorgenommen werden. Auch dabei kann eine neutrale Person unterstützen. Z.B. indem eine Aussage aus verschiedenen Perspektiven analysiert wird. Wichtig ist die Erkenntnis, dass nicht das Umfeld das Problem hat, sondern dass das Problem durch unsere eigenen Gedanken erzeugt wird, durch unsere Glaubenssätze, die uns eben nicht immer bewusst sind. Eine neutrale Person kann uns dabei helfen, diese Glaubenssätze transparent zu machen und ihnen damit die Macht zu nehmen.

Liebe Leser, ich hoffe, Ihnen hat der Artikel gefallen. Über Anregungen oder Rückmeldungen freue ich mich wie immer,

Ihre Sonja Diekmann

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