Lean versus Agil- Was ist der gemeinsame Nenner?

Während Lean seine Ursprünge in der Automobilindustrie hat, weitet sich Agilität ausgehend von der Softwareentwicklung zunehmend in andere Industrien aus. Versucht man herausbekommen, was genau der Unterschied bzw. der gemeinsame Nenner zwischen beiden Ansätzen ist, findet man Vergleiche diverser Methoden, wie z.B. PDCA versus Scrum oder auch die Definition, dass Lean auf Prozesse und Agil auf Produkte fokussiert. Sowohl Lean als auch Agil sind nicht einfach nur Methoden, sondern sogenannte Managementansätze mit dahinterliegenden Werten und Prinzipien (Überzeugungen). Im Rahmen dieses Artikels möchte ich auf dieser Ebene beide Ansätze miteinander vergleichen, um den gemeinsamen Nenner herauszuarbeiten.

Vision und Mission – was sind die höheren Ziele hinter beiden Ansätzen?

Laut Wikipedia ist Lean Management auf die effiziente Gestaltung der gesamten Wertschöpfungskette ausgelegt. Mit anderen Worten Lean fokussiert auf die Reduzierung von Verschwendung. Agilität wird dagegen als ein Merkmal des Managements einer Organisation beschrieben, um flexibel, proaktiv, antizipativ und initiativ zu agieren, um notwendige Veränderungen einzuführen [Wikipedia]. Während Lean gezielt auf die Effizienzsteigerung der Wertschöpfungskette abzielt, umfasst Agilität eher die Arbeitsweise einer Organisation im Kontext Veränderung. Um es mit weniger Worten zu beschreiben, könnte man sagen: um „effektiver und effizienter“ zu werden, sind Ansätze des Lean Managements geeignet und um „flexibler und reaktionsfähiger“ zu werden, eignen sich Ansätze aus dem agilen Umfeld.

Werte und Überzeugungen – das Mindset

Für beide Ansätze sind Werte beschrieben. Lean basiert auf folgenden Werten: An den Ort des Geschehens gehen, Teamwork, Herausforderung, Kaizen Verständnis, Respekt gegenüber dem Menschen. Die agilen Werte sind: Commitment, Einfachheit, Feedback, Fokus, Kommunikation, Mut, Offenheit und Respekt. Die Richtung ist ähnlich, wobei Lean stärker auf kontinuierliche Verbesserung (Kaizen) fokussiert. Diese Fokussierung wird durch die Lean Prinzipien (Überzeugungen) deutlich (siehe Kasten). Demgegenüber stehen die 4 agilen Leitsätze.

Lean Prinzipien

  1. Wert aus Kundensicht identifizieren
  2. Wertstrom identifizieren
  3. Flow Prinzip umsetzen
  4. Perfektion anstreben

Agile Leitsätze

  1. Individuen und Interaktionen sind wichtiger als Prozesse und Werkzeuge
  2. Funktionierende Produkte sind wichtiger als umfassende Dokumentation
  3. Zusammenarbeit mit dem Kunden ist wichtiger als Vertragsverhandlungen
  4. Reagieren auf Veränderungen ist wichtiger als das Befolgen eines Plans

Auffallend ist, dass beide Ansätze den Kunden in den Vordergrund stellen. Während Lean eher auf die Prozesse fokussiert, konzentrieren sich die Leitsätze und Prinzipien des agilen Ansatzes eher auf das Thema Organisation, Zusammenarbeit und Einstellungen. Damit ist der Scope wesentlich weiter gefasst. Beide Ansätze erfordern ein gewisses Mindset und eine bestimmte Art von Führung, um diese Kultur, dieses Mindset zu erzeugen und zu unterstützen.

Lean Leadership und agile Führung

Der Fokus von Lean Leadership ist es, die Mitarbeiter durch einen bestimmten Führungsstil zu mehr Eigenverantwortung zu bewegen, um aus dieser Eigenverantwortung heraus, Verschwendung kontinuierlich zu reduzieren und die Unternehmensprozesse täglich zu optimieren. Neben der unterstützenden Rolle, die die Führungskraft einnimmt(Servant Leadership), steht das Thema Coaching im Vordergrund. Die Führungskraft agiert fragend und ermutigend, und fördert durch bestimmte Fragetechniken (sokratische Fragen) die Eigenverantwortung der Mitarbeiter mit dem Schwerpunkt auf kontinuierliche Verbesserung [siehe auch Lean Leadership]. Visionen und Ziele nehmen einen hohen Stellenwert ein und neben der eigenen Reflexion und der kontinuierlichen Weiterentwicklung, steht die Entwicklung der Mitarbeiter im Vordergrund.

Im agilen Umfeld ist die Richtung sehr ähnlich. Svenja Hofert beschreibt die agile Führung folgendermaßen: Führung ist nicht mehr die ordnende, managende, entscheidende und den Weg konkret vorgebende Führung, sondern die coachende, entwickelnde, moderierende und unterstützende Führung, die das Ziel am Ende des Weges oder die Vision hinter dem Horizont ausruft [S. Hofert, 2016]. Der Scope geht an dieser Stelle weit über das Thema kontinuierliche Verbesserung hinaus und umfasst das gesamte Zusammenspiel innerhalb einer Organisation. Teams agieren selbstorganisiert und die Zusammenarbeit basiert u.a. auf definierten Rollen. Dadurch ändert sich der Anspruch an das Thema Führung. War Führung vorher mit einer definierten Machtposition verknüpft, so definiert sich Führung im agilen Umfeld als Handeln in einer Rolle mit definierten Aufgaben [S. Hofert 2016].

Der Fokus ist  bei beiden Ansätzen stark auf die Nutzung der Ressource Mensch ausgerichtet. Daher werden für beide Ansätze eine gewisse Eigenverantwortung und eine Vertrauenskultur benötigt. Meiner Meinung nach ist damit der kleinste gemeinsame Nenner von Lean und Agil der Anspruch, ein Umfeld zu kreieren, welches die intrinsische Motivation der Mitarbeiter oder Teammitglieder triggert.

Die intrinsische Motivation kann gesteigert werden, wenn die psychologischen Grundbedürfnisse Status & Selbstwert, Wachstum & Entwicklung, Orientierung & Kontrolle, Autonomie, Zugehörigkeit & Verbundenheit und Fairness & Angemessenheit Beachtung finden. Dies ist die Aufgabe der Führungskraft. Lean Management tangiert mit Methoden und Vorgehensweisen wie Gemba, Kata und Performance Boards sowohl die Grundbedürfnisse Status & Selbstwert, aber auch Autonomie & Zugehörigkeit. Die Entwicklung der Mitarbeiter ist eine Grundanforderung an einen Lean Leader. Im agilen Umfeld werden durch klare Rollenbeschreibungen und die selbstorganisierte Arbeitsweise ebenfalls diese Grundbedürfnisse tangiert. In beiden Arbeitsweisen fokussiert sich die Rolle der Führungskraft auf das Führen über Visionen und Ziele – was Orientierung gibt. Sowohl Lean als die agile Arbeitsweise basieren auf dem Grundwert Respekt, wodurch ein fairer Umgang gewährleistet werden sollte.

Auch Managementansätze wie z.B. die nach Fredmund Malik betonen u.a. die Motivation der Mitarbeiter [Malik F., 2014].

Wenn also nicht ganz neu, so wird der Fokus auf den achtsamen Umgang mit der Ressource Mensch immer bedeutender. Warum dies so ist, darauf werde ich im nächsten Artikel näher eingehen.

Liebe Leser, sowohl Lean als auch Agilität sind spannende Themen. Falls Sie eine Meinung zu diesen Themen haben oder Ihre eigenen Erfahrungen teilen möchten, ich freue mich auf Ihre Kommentare.

Ihre Sonja Diekmann